Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Die Briefzensur 1939 bis 1945

von Katrin Kilian

Eine Besonderheit des Feldbriefverkehrs während des Kriegs stellt die Zensur dar. Sie ist in jedem kriegführenden Land, auch bereits während des Ersten Weltkrieges, Bestandteil der brieflichen Kommunikation. Die Zensur ist im Deutschen Reich neben der japanischen und russischen eine der strengsten. Die Zensur der Wehrmacht verschiebt sich im Verlauf des Krieges von einer auf Abwehr gerichteten Zensur hin zu einer ideologischen. Vor allen Dingen wird seitens der Propaganda versucht, die nationalsozialistische Ideologie in die Briefe zu transportieren. Der Brief soll als "Waffe" dienen. So werden in fast allen Medien die sich ändernden Zensurbestimmungen thematisiert und mustergültige Briefbeispiele vorgegeben. Es wird versucht, das Schreibverhalten der Verfasser zu beeinflussen. So sollen zum Beispiel aus der Heimat keine Probleme oder Klatsch und Tratsch mitgeteilt werden. Aus der Kampfzone soll stets ein positives Befinden skizziert und mit Durchhalteparolen durchsetzt werden.

Propaganda und Feldpost sind eng verknüpft: Der Staat versucht das Schreibverhalten des Feldpostbriefverfassers mit Hilfe seiner Propagandainstrumente zu beeinflussen. In den Frontschriften für die Soldaten wird oft auf die Abwehrvorschriften im Feldpostverkehr hingewiesen. Es dürfen keine Einzelheiten der Dienststelle, wie Zusammensetzung, Stärke, Aufenthaltsort, Name der Vorgesetzten und Kameraden, Ausrüstung und Bewaffnung, militärische Absichten, Einzelheiten der Stellung, Verluste mitgeteilt und auch keine feindlichen Flugblätter oder Propagandaschriften übermittelt werden. Aus der Heimat dürfen keine Waren- und Gebrauchsgegenstände angefordert werden, um sie an die Bevölkerung der besetzten Gebiete zu verkaufen. Kurzschrift ist erlaubt, Morse-, Spiegel- oder sonstige Geheimschrift verboten. Es darf nur in europäischen Sprachen geschrieben werden. Fotos von militärisch wichtigen Gegenständen und insbesondere das Fotografieren von Vollstreckungen sowie feindlichen Gräueltaten sind verboten. Filme dürfen weder im Ausland noch in besetzten Gebieten entwickelt werden. Briefverkehr mit dem feindlichem Ausland ist verboten, eine Ausnahme bilden die deutschen Kriegsgefangenen, die sich im Gewahrsam des Gegners befinden. Devisen dürfen von der Heimat an die Wehrmacht nicht versendet werden.

Die Zensurbehörden kontrollieren lediglich einen minimalen Anteil der Briefe. Die Medienaufmerksamkeit der Zensur hingegen ist sehr groß. Dies könnte verursachen, dass sie für die Soldaten mächtiger wirkt, als sie tatsächlich ist und infolgedessen befolgt wird. In Forschungsarbeiten ist jedoch festgestellt worden, dass ein Großteil der Soldaten ihre Meinungen und Ansichten erstaunlich offen und unbeeindruckt jeglicher Zensurauflagen mitteilt. Schließlich ist das Postaufkommen derart gewaltig, dass dem Soldaten bewusst sein könnte, dass die Zensur nur stichprobenartig vorgenommen werden kann.

Die Zensurbehörden nehmen ihre Arbeit am 12. März 1940 auf. Grundlage für inhaltliche Kontrolle von Feldpost ist die "Verordnung über den Nachrichtenverkehr". Angaben von Truppen- und Dienststellenbezeichnungen oder Orten, Stimmungsberichte sowie das Beilegen von Bildern und Abbildungen aller Art unterliegen der Geheimhaltung.

Der Zweck der Prüfung besteht in der Verhinderung und Abwehr von Spionage und "Zersetzung". Folgende Inhalte dürfen nicht übermittelt werden:

  1. Angaben über dienstliche Vorgänge, die der Geheimhaltung unterliegen,
  2. Gerüchte aller Art,
  3. Lichtbilder und Abbildungen aller Art, die der Geheimhaltung unterliegen,
  4. Feindpropaganda (Flugblätter),
  5. kritische Äußerungen über Maßnahmen der Wehrmacht und der Reichsregierung,
  6. Äußerungen, die den Verdacht der Spionage, Sabotage und "Zersetzung" erwecken.

Gerät ein Brief in die Fänge der Zensur und wird ausgemustert, wird er zunächst mit dem Vermerk "Zur Weiterverfolgung vorgelegt" versehen und dem Abwehroffizier ausgehändigt. Kritische Äußerungen fallen unter den nationalsozialistischen Straftatbestand der "Wehrkraftzersetzung", der mit Gefängnis, Zuchthaus oder dem Tode bestraft werden kann. Obwohl dem privaten Feldpostbrief die Öffentlichkeit eines "zersetzenden" Handelns fehlt und somit keine juristische Grundlage für eine Verfolgung gegeben ist, wird die Gesamtzahl der wegen "Wehrkraftzersetzung" gefällten Urteile über Feldpostbriefverfassern auf 30.000 bis 40.000 geschätzt.

Stimmungsberichte der Prüfstellen, die aufgrund der Auswertung von Feldpostbriefen erstellt werden, zeugen von der ideologischen Nutzung der Briefe. Die durch die Zensur geprüften Briefe der Soldaten werden analysiert. Dabei werden folgende Rubriken eröffnet: "Haltung und Stimmung", "Stand der Disziplin", "Geheimhaltung", "Zersetzung" sowie "Spionage und Sabotage". Die Stimmungsberichte liefern Einblick in das Innenleben der eigenen Streitkräfte.

Die Post der Generalität des Heeres, militärischer Dienststellen und der Reichsminister wird nicht überprüft. Von der Prüfung ausgenommen sind ferner Feldpost-Telegramme von Behörden, Körperschaften, Anstalten des öffentlichen Rechts und öffentlichen Einrichtungen (zum Beispiel Gaukammern, Krankenhäusern) und von den Dienststellen der NSDAP.

Die Überwachung obliegt den Zensurbehörden im Oberkommando der Wehrmacht, nicht der Reichspost. Die Feldpostprüfstellen sind die ausführenden Zensurorgane, die Feldposteinrichtungen sind für die notwendige Zuführung der Sendungen zuständig. Die Prüfstellen kontrollieren den gesamten Feldpostverkehr stichprobenartig nach genauen Vorschriften. Das Personal einer Feldpostprüfstelle besteht in der Regel aus einem Leiter, vier Offizieren und 14 Unteroffizieren. Die Offiziere prüfen ausschließlich Offizierspost, das heißt die Post der höheren Ränge. Die Unteroffiziere kontrollieren die Briefe der Mannschaften. Der Rang des Briefschreibers wird dem Absendervermerk entnommen.

Das Prüfpersonal öffnet die Briefe durch Scherenschnitt. Sie werden anschließend mit Klebestreifen Bandarolen wieder verschlossen, die den Aufdruck "Geöffnet - Feldpostprüfstelle" tragen, so dass für den Empfänger sichtbar ist, dass der Brief kontrolliert worden ist. Feldpostkarten werden durch einen Stempel mit der Aufschrift "Geprüft - Feldpostprüfstelle" freigegeben. Telegramme werden ebenfalls zur Abwehr von Spionage überprüft.

Gemäß den Genfer Konventionen steht jedem Kriegsgefangenen das Recht zu, in gewissen Zeitabständen Post gebührenfrei zu senden oder zu empfangen. Die Kriegsgefangenen- und Interniertenpost unterliegt sehr strengen Zensurbestimmungen. Die Sendungen in Richtung feindliches Ausland werden sowohl von der Lagerpostprüfstelle (Angehörige der SS) als auch von den Zensurstellen des Oberkommandos der Wehrmacht überprüft. Jedes Lager unterhält ihre eigene Postprüfstelle. In Straf-, Vernichtungs- und Konzentrationslagern werden grundsätzlich vorgedruckte Postkarten, Briefbogen und Briefumschläge ausgegeben. Die ein- und ausgehende Post wird einer äußerst scharfen Zensur unterzogen. Postsperren gehören zu Strafmaßnahmen in den Lagern. Postsachen in Gefängnissen werden vor Aushändigung an die Häftlinge durch die Staatsanwaltschaft, das Gefängnisbüro oder die Lagerleitung geprüft. Die Einschränkung des Postverkehrs bedeutet immer die Verwehrung von Grundrechten.

Die Zensur funktioniert bis Kriegsende.