Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Titelcover: Irrgang, Astrid: Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in seinen Feldpostbriefen. Vom richtigen Leben im falschen, Freiburg 2007

Astrid Irrgang: Feldpost eines Frontsoldaten

Dieser Beitrag ist erschienen unter: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament", 14-15, 2. April 2007, 41-46
Er ist auch zu finden auf der Site der Bundeszentrale für politische Bildung

Einleitung

Feldpost ist eine Kategorie von Briefen, die in existenzieller Situation verfasst wurden. Auf unbestimmte Zeit getrennt von den Angehörigen und dem zivilen Leben, unter großen körperlichen und psychischen Entbehrungen und Strapazen, allzu häufig im Bewusstsein der Möglichkeit des eigenen gewaltsamen Tötens und Sterbens sprechen Menschen über sich und ihre Umgebung. Ihre Zwiesprache mit den Angehörigen interessiert die historische Forschung in besonderer Weise, hilft die Auswertung dieser Kommunikation doch, die Verwandlung von Zivilisten in auf Leben und Tod kämpfende Soldaten besser zu verstehen.

Die Fakten des Zweiten Weltkriegs sind hinlänglich bekannt, das Innenleben der am Kriegsgeschehen beteiligten Menschen aber entzieht sich in weiten Teilen noch immer unserem Verständnis. Eine Analyse dieses Innenlebens hängt ab von einer sich kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Quellenbasis. Nur aus ihr können über die bloße Momentaufnahme einzelner Briefe hinaus Aussagen über die Mentalität der Verfasser gewonnen werden. Geschlossene Quellenkörper, die exemplarische Untersuchungen erlauben, haben Seltenheitswert. Allzu häufig haben die Briefe ebenso wie ihre Autoren den Krieg nicht überstanden oder liegen für die Forschung unzugänglich auf privaten Dachböden. Die hier skizzierte Einzelfallstudie, die Auswertung eines umfangreichen und geschlossenen Feldpostfundus, verdankt sich insofern einem Glücksfall. [ 1 ]

Autor der Briefe ist der Frontsoldat Peter Stölten, einer von 20 Millionen Soldaten der Deutschen Wehrmacht. Er wurde im Laufe des Krieges zum Leutnant befördert und schließlich zum nationalsozialistischen Führungsoffizier ernannt. Stölten kämpfte an zentralen Frontabschnitten: beim Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 bis zum Winter 1942/43; nach einer Ausbildungsphase im Reich bei der Landung der Alliierten in der Normandie im Sommer 1944; bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 und schließlich in den Abwehrkämpfen in Ostpreußen 1944/45, in deren Verlauf Stölten gefallen ist.

Peter Stölten wurde 1922 geboren und wuchs mit zwei jüngeren Schwestern behütet in einer protestantisch-bildungsbürgerlichen Familie in Berlin-Zehlendorf auf. Der Vater, Dr. Wilhelm Stölten, hatte im Ersten Weltkrieg gedient, beide Eltern waren in der bündischen Jugend engagiert gewesen. Die Schulaufsätze aus der Gymnasialzeit zeugen von einem temperamentvollen, reich begabten, neugierigen Jungen, der Maler werden wollte. Stölten zog als Notabiturient "in der Hoffnung auf manches Abenteuer und manches Erlebnis und manchen moralischen Nutzen" ebenso wie alle anderen Jungen seiner Schulklasse freiwillig in den Krieg. Fünf Jahre später, wenige Wochen vor seinem Tod in Ostpreußen, waren ihm seine vorher so geliebten Zeichenutensilien "fremd geworden wie einem Eskimo das Fischbesteck". Er spürte seine "Wesensschatten auf einer Skala tanzen mit Minus davor", konnte vom Kriegsgeschehen nur noch "satirisch berichten und einer Frau schon gar nicht" und formulierte zum Jahreswechsel 1944/45 "keine persönlichen Ziele mehr, nur noch Wünsche". Das Glacis, auf dem Stölten sich operieren sah, verengte sich im Laufe seines Kriegseinsatzes immer mehr. Waren Phantasien zu Beginn des Kriegseinsatzes erwartungsvoll in die Zukunft gerichtet, wandten sich diese im Laufe der Jahre immer mehr zur eigenen Vergangenheit, von deren Glück und Anlauf sich Stölten abgeschnitten wusste.

Schon von der Geographie seiner Einsätze her handelt es sich bei Stölten um einen ungewöhnlichen Zeitzeugen, stellte ihn doch sein langes Überleben in den gefahrvollen Erlebnisräumen weit außerhalb der Überlebensstatistik eines deutschen Frontsoldaten. Über seine Eindrücke hat er seiner Familie und seiner Braut ausführlich und gedankenreich berichtet. Er stand dabei unter einem auch international als typisch zu bezeichnenden Mitteilungsdruck des Soldaten im Felde gegenüber der Heimat. Das Schreiben von Briefen in der Extremsituation Krieg hatte entlastende und stabilisierende Funktion. Die Kommunikation mit der Heimat war Ersatz für dortiges Leben und ein Ausflug in den verbauten Teil der zivilen Biographie. Alle am Krieg beteiligten Nationen erkannten die Angewiesenheit ihrer Soldaten auf diese Kontakte und bemühten sich, Einfluss auf die Art der Gesprächsführung mit der Heimat zu nehmen.

Der Austausch mit der Heimat war nicht nur im "Dritten Reich" das Herzstück geistiger Kriegführung. Unmittelbar nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen begann die deutsche Feldpost ihren Dienst. Während der sechs Kriegsjahre versorgte sie, anders als ihre Vorgängerin im Ersten Weltkrieg, zuverlässig ein immer größeres Gebiet, das auf dem Höhepunkt der deutschen Expansion vom Nordkap bis zum Kaukasus, den Pyrenäen und Nordafrika reichte. Sie versah ihren Dienst auch noch, als die Wehrmachtsführung sich von Hitler auf seinem Weg in die Katastrophe hatte mitnehmen lassen und unter Aufgabe jeglicher militärischer Verantwortung einen aussichtslosen Kampf um die letzten Quadratkilometer des Reiches weiterführte. Es sollte nicht unerwartet kommen, überrascht aber doch, dass es für einen solch riesigen Apparat ein "Leben nach dem Tode" gibt: Seine humanitäre Komponente hat die Katastrophe überdauert und arbeitet bis heute, jedes staatlichen Einflusses entkleidet, in Gestalt des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes weiter, nach wie vor portofrei und mit dem Frankierstempel "Kriegsgefangenenpost".

Stöltens Wahrnehmung des Krieges, seiner Rolle in ihm und ihre Darstellung gegenüber verschiedenen Adressaten über fünf Jahre hinweg bilden den Kern des Erkenntnisinteresses. Es geht dabei um eine Antwort auf das zuletzt von Martin Humburg und Klaus Latzel formulierte Desiderat von Einzelfallstudien. Insbesondere diese beiden Autoren haben mit ihren umfangreichen systematischen Arbeiten die Terra incognita vermessen[ 2 ], innerhalb derer es die Koordinaten von Stölten auszumachen gilt.

Als Spiegelfigur dient der Gefreite Heinrich Böll und seine ebenfalls umfangreiche Kriegskorrespondenz, um die unterschiedliche Haltung zu illustrieren, aus der heraus einzelne Soldaten sich dem Kriegsgeschehen unterwarfen.[ 3 ] Böll tritt aus diesen Briefen, anders als Stölten, als am Soldatentum Leidender und um Abstand zum Kriegsgeschehen Bemühter hervor. Er fand keinen Anschluss unter seinen Kameraden und nutzte jede Gelegenheit, sich dem Dienst zu entziehen, etwa durch das Fälschen von Urlaubsscheinen oder das Simulieren von Krankheiten - eine Haltung, die Stölten nicht mit seinem Selbstverständnis hätte vereinbaren können. Man kann sagen, dass Böll der Typ des Landsers war, der, ohne Engagement für überwölbende Kriegsziele, wie Millionen anderer der Einberufung folgte, das unvermeidbare Minimum seiner soldatischen Pflichten erfüllte und im Übrigen eine Mitverantwortung für das große Ganze nicht sah. Das schließt nicht aus, dass er in seinem engeren Umfeld so gehandelt hat, wie es ihm seine christliche Grundhaltung nahe legte.

Wenn vor dieser Folie ein vergleichender Blick auf Stölten geworfen wird, so hat dieser vor allem eines mit dem Soldaten Böll gemein: die Vorstellung von der Begrenztheit des Verantwortungsbereiches durch einen vorgegebenen militärischen Rahmen. Böll hilft diese Begrenzung dabei, die Einsicht in das Verbrecherische des Krieges zu bewältigen. Stölten indes sieht eher das einzelne crimen, dem er im Rahmen seiner Möglichkeiten zu begegnen sucht, etwa durch Korrektheit beim "Requirieren" oder durch Erste Hilfe gegenüber einem russischen Verwundeten. Den Schluss vom Einzelnen auf das Allgemeine scheint er sich kaum gestattet zu haben. Es ist auch diese Fokussierung auf sein Umfeld, die Stölten zum todesmutigen Kämpfer werden lässt. Aus dieser Nahsicht im vergleichenden Exkurs Böll-Stölten verliert die in der Forschung häufig so monolithisch erscheinende Wehrmacht einiges von ihrer Homogenität.[ 4 ]

In Stöltens Briefen kann ein Spannungsbogen von jugendlicher Kriegsbegeisterung über einen mehr und mehr zur Gewohnheit gewordenen Umgang mit tödlichen Gefahren bis zu seinem möglicherweise sogar gesuchten Tod gegen Ende des Krieges ausgemacht werden. Dabei wächst mit Stöltens Einsicht in den katastrophalen Kriegsverlauf seine Verzweiflung bei der Suche nach einem Sinn der brutalen Auseinandersetzung. Diese Verzweiflung begleitet ihn; möglicherweise führt sie ihn in sein letztes Gefecht um das ostpreußische Dorf Jadden im Januar 1945.

So sehr Stölten in Ratlosigkeit über den Sinn des Krieges geriet, so wenig gestattete er sich gleichzeitig, seine Rolle in diesem Krieg in Frage zu stellen und ein Abseits zu suchen. Stöltens Engagement war Folge der Bemühung um ein "richtiges Leben" in einem von uns heute zweifelsfrei als "falsch" einzuordnenden Kontext. Dieser Befund einer starken, unauflösbaren inneren Gebundenheit, ohne dass eine nationalsozialistische Grundgesinnung vorgelegen hat, ist von hoher Brisanz; sie ist der deutungsbedürftige Zug von Stöltens soldatischer Persönlichkeit. Der Schluss, dass Stölten kein Nationalsozialist war, liegt nahe, denn es fehlte ihm nicht nur "Führerglauben", sondern auch jede Neigung zum Antisemitismus oder die Zuschreibung eines Untermenschentums seiner slawischen Gegner.

Stöltens Einzelschicksal wird vor der Kulisse der jeweiligen Kriegsschauplätze ausgeleuchtet. Durch Auswertung von Akten aus Militärarchiven kann nicht nur der historische Kontext, sondern auch und vor allem das engere Umfeld dargestellt werden, in dem sich Stölten bewegte. Dabei liegt auf der Hand, dass der Fokus nicht auf der Suche nach Überraschungen in der Kulisse liegt, sondern darauf, wie Stölten sich an den Gegebenheiten der Wirklichkeit mehr und mehr gerieben und schließlich aufgerieben hat. Es geht um die Rekonstruktion seiner Wahrnehmung, seines inneren Erlebens und seiner Voraussetzungen, weniger um den äußeren historischen Geschehenszusammenhang. Aus militärhistorischer Sicht ist von den Briefen wenig Neues zu erwarten. Es ist gleichwohl die Deutung von Stöltens Fall, der Befund einer gewissen Typizität und ihrer sozialen Wirksamkeit, mit denen dieser äußere historische Geschehenszusammenhang besser verstanden werden kann.

Frontabschnitte werden zu Lebensabschnitten

Autobiographische Texte sind ebenso wie andere Quellengattungen kein Abbild von Wirklichkeit, sondern ein vieldeutiges Konstrukt wirklicher Erfahrungen, dessen Beschaffenheit sich ebenso sehr individuellen wie kulturellen Vorgaben verdankt. Autobiographische Texte sind soziale Texte mit einem schwer quantifizierbaren Anteil an Vergesellschaftung. Als methodisches Problem stellt sich die Herausforderung, wie sich Denken, Fühlen und Handeln erfassen und darstellen lassen, damit der Anspruch auf wissenschaftliche Relevanz erhoben werden kann. Eine Antwort liegt im Bemühen um Schlüssigkeit der Rekonstruktion dieses Einzelfalles. Zur Schärfung der Einzelfallanalyse trägt auch die Auswertung umfangreicher Primär- und Sekundärquellen bei.

Feldpost ist von äußerer und innerer Zensur gekennzeichnet. Diese Zensur äußert sich in einer geradezu prismatischen Aufbrechung der Berichte in den unterschiedlichen Gegenständen und Formen, die Stölten und seine Briefpartner wählen: Mit der Familie wird ein bildungsbürgerlicher Dialog geführt, der in der Korrespondenz mit dem Vater wesentlich von dem Bemühen getragen ist, seinen Erwartungen zu entsprechen; die Freundin erfährt sehr viel mehr über seine jeweilige Gemütsverfassung, und dem Freund öffnet Stölten sich am meisten auch über Kriegsgräuel. Die hohe Schreibfrequenz Stöltens, der auch unter höchster Kampfanspannung nicht selten drei Briefe am Tag verfasste, gestattet es, sein adressatenorientiertes Schreiben in die Untersuchung einzubeziehen. Stölten und seine Briefpartner führten ihre Korrespondenz auf einer hohen sprachlichen und reflektierenden Ebene, was ebenfalls zur Faszination der Lektüre beiträgt. Betrachtet man die Stölten'sche Feldpost mit diesem Vorwissen, so sind ihm, wie wahrscheinlich vielen Soldaten, Frontabschnitte zu Lebensabschnitten geworden. Leitmotiv ist Stöltens Pflicht- und Gehorsamsethos. Es führt den Soldaten Stölten vom kampfbegeisterten Abiturienten über den bei aller Ernüchterung verlässlichen Kämpfer und engagierten Offizier zum verzweifelten, todesbereiten Soldaten im Endkampf.

In Russland, der ersten Etappe, springt die Siegesgewissheit des der Schule durch Notabitur Entronnenen hervor, weniger der verbrecherische Charakter des Unternehmens "Barbarossa", den Stölten allerdings durch humanes Verhalten zu relativieren sucht. Stölten verschließt die Augen nicht vor den Begleiterscheinungen des deutschen Vormarsches in der Sowjetunion,[ 5 ] sie erschüttern ihn aber nicht so tief, dass die Anpassung an die Welt des Krieges misslingen könnte. Die Kluft zwischen den zivilen, verinnerlichten Werten und der Barbarei des Krieges quält Stölten noch nicht, er vermag sie zu schließen. Schon in diesem ersten Einsatz finden sich jedoch in der Korrespondenz die typischen Sprachstrategien von Feldpost: Verschweigen, Verharmlosen, Poetisierung, Phraseologisierung und Imagepflege.[ 6 ] Belastungserlebnisse entziehen sich zu seinem eigenen Erstaunen der Versprachlichung und werden in der Korrespondenz weitgehend ausgespart. Die Menge des zu Verdrängenden wächst, ohne dem Vergessen anheim zu fallen.

Ein längerer Lazarettaufenthalt 1941/42 konfrontiert den an schwerer Furunkulose Erkrankten mit der Erfahrung, den bedrückenden Erlebnissen ausgesetzt zu sein und nicht "an der Front und im Kampf Gesundung und Vergessen finden" zu können. So kommt es zu dem nur auf den ersten Blick paradoxen Wunsch, aus dem Lazarett wieder in den kameradschaftlichen Einsatz an die Ostfront zurückzufinden, "auch wenn diese Welt mit der meinen nur die Grenze gemein hat". Spätestens hier, wo mit Fronteinsätzen Entlastung gesucht wird, obwohl jene doch die Schrecken des zu Verdrängenden nur anwachsen lassen, vollzieht sich auch im Innenleben Stöltens ungewollt und unbewusst die Indienstnahme des militärischen Anforderungskatalogs. Einer besonderen Nähe zum Nationalsozialismus bedarf es dazu nicht.

Seine mehrmonatige Spezialausbildung am neuen Panzertyp "Tiger" im Reich absolviert er 1943 nur widerwillig, so sehr drängt es ihn, das Gelernte an der Front anzuwenden. In dieser Phase ist Stölten ganz von den Anforderungen seines soldatischen Lebens eingenommen. Männliche Bewährung in Gefahr, Führung in bedrohter Lage haben ihre Spuren hinterlassen. Dies fällt auch den Eltern auf: "Peter war am Sonntag auf Urlaub hier, laut, stürmisch, fast zu zackig, von seiner Führeraufgabe stärker geprägt, als wir das je für möglich gehalten hätten. Aber er wird auch da dank seiner starken inneren Kräfte das Gleichgewicht wieder finden. Im Geheimen arbeiten schon alle guten Geister wie Hölderlin und Rilke, denen er sehr zugetan ist, an dieser Aufgabe."[ 7 ] In einem Brief an die Mutter erläutert Stölten seine Prägung: "Vom Kommiss will ich auch nicht wieder erzählen. Er ist aber nun einmal ein notwendiges Übel, und ich muss, um etwas zu leisten gerade bei uns innerlich daran beteiligt sein. Seid froh, dass Ihr Euch alle so aus dem Geist der Zeit heraushalten könnt - und sagt mir dies nicht zu oft. Ich muss doch weghören, weil ich mehr als hier nicht sagen kann, und mich leider nicht zu einem Bild des Offiziers ändern kann, der reitet, ins Kasino geht, mit ein paar Führungsaufgaben und Ehrbegriffen spielt und im Übrigen so hoch über dem Dienst steht, dass die Erziehung zum Soldaten allein die Uffz. leisten müssen."

Hier sehen wir eine Motivkette, von der sich zu lösen Stölten nicht nur nicht gelingt - er unternimmt solche Versuche wohl auch gar nicht. Er sieht sich als Soldat, als Offizier, und er sieht hier auch seine gegenwärtige Berufung, selbst wenn für die Nachkriegszeit andere Wünsche existieren. Als Soldat führt er Befehle Vorgesetzter aus, ohne für sich das Recht einer sachlichen oder gar moralischen Beurteilung zu beanspruchen. Seiner Berufung nachkommend will er "Leistung" bringen. Mangelhafte Leistungen würden ihn nicht nur um den beruflichen Erfolg bringen, sondern auch seine gefühlte Berufung verschütten. Der Offiziersberuf ist ihm daher nicht nur Arbeit, sondern, auch im Kleinen, Wirken im Kernbereich seiner Berufung.

Im Sommer 1944 durchlebt Stölten in der Normandie seine erste tiefe Krise. Durch einen selbstverursachten Unfall kampfunfähig, überlebt er als einziger Offizier seiner Kompanie die Landung der Alliierten. Die bisherigen Mittel der Selbstdisziplinierung und -darstellung versagen. Stöltens Seelenleben erreicht, erneut im Lazarett sich selbst ausgeliefert, einen ungekannten Tiefpunkt. Es gelingt ihm, mittels eines an Hölderlins "Hyperion" angelehnten, anspruchsvollen Essays, seiner Verzweiflung Herr zu werden. In einem fiktiven Dialog zwischen fünf jungen Menschen wird das Nichts, ein Abgrund der Sinnlosigkeit, der alles und jeden zu verschlingen droht, durch den Glauben an höheren Sinn und Bestimmung aufgehoben. Von diesem Zeitpunkt an zeichnet Stölten eine starke Opferbereitschaft aus, deren Unterströmung das als Schuld gefühlte Überleben im Blick auf seine gefallenen Kameraden ist. Der "Triumph des Überlebenden" (Elias Canetti)[ 8 ] bleibt ihm fremd.

Auf der nächsten Station, dem Warschauer Aufstand, wird Stöltens Haltung auf eine fürchterliche neue Probe gestellt. Entsetzt schreibt er über den rücksichtslosen deutschen Einsatz gegen die unterlegenen polnischen Aufständischen: "Wie hätte Bosch seine Höllenphantasien gemalt, wenn er das gesehen hätte?" In den nach einer Logik der Selbstaufopferung handelnden Polen erkennt er seine eigentlichen ideellen Verbündeten, gegen die er gleichwohl mit allen militärischen Mitteln vorzugehen hat. In diesem Widerspruch hilft ihm nur blanker Zynismus. Er schreibt eine Satire des Grauens, Hieronymus Bosch in Prosa. Im Untergang Haltung zu bewahren, wie es die polnischen Aufständischen bis zur Kapitulation tun, und der Wert, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, werden für ihn zum Vorbild für den zu erwartenden Untergang Deutschlands und wohl auch seiner eigenen Person.

Stölten benennt die deutsche Unterlegenheit gegenüber den übermächtigen Gegnern. Doch Zweifel an der Wünschbarkeit eines deutschen Sieges werden nicht benannt und sind auch nicht versteckt erkennbar. Obwohl er, wie die Quellen nahe legen, die Chance eines ehrenvollen Rückzugs hat, schlägt er sein Leben und das seiner Panzerbesatzung im Januar 1945 in die Schanze und verbrennt in seinem Kampfwagen.

Vom richtigen Leben im falschen

Stöltens prismatische Berichterstattung deckt die fünf Jahre ab, in denen der deutsche Vormarsch funktionierte, langsamer wurde, sich in Rückzug und schließlich in eine Art letztes Gefecht verwandelte. Diese äußere Entwicklung findet ihre Entsprechung in Stöltens innerer Welt. Bewegend und exemplarisch an dieser deutschen Vita ist, wie sich der hoch begabte, differenziert denkende junge Mann kraft seiner Vaterlandsliebe und Erziehung durch das auch für ihn spätestens ab Warschau 1944 erkennbar verbrecherische Regime hat in Dienst nehmen lassen. Stölten durchlief zwar alle nationalsozialistischen Sozialisierungsstationen wie Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, aber es waren offenbar die bildungsbürgerlichen Tugenden aus seinem Elternhaus, die er für seine Rolle im Krieg mobilisierte. Die Führerpropaganda spielte dabei keine Rolle.

Stöltens Milieu war das eines anspruchsvollen Bildungskanons, tätigem Christentum verpflichtet, großstädtisch, protestantisch-national gesinnt und schichtspezifisch staatstragend. Es entsprach seinem Selbstverständnis, dem Staat, wie auch immer dieser sich präsentieren mochte, auch bei Zweifeln zu dienen. Wirkmächtig war hier sicherlich das Obrigkeitsverständnis des Paulinischen Römerbriefes. Einer besonderen Staatsnähe, etwa durch Parteimitgliedschaft, bedurfte es nicht: "Gehorsam, mehr haben wir nicht zu verantworten!", schreibt Stölten, und meint damit, dass er auch nicht weniger zu verantworten habe. Seine Gewissensnöte bleiben stets erkennbar. Typischerweise ergeht sich Stölten in seinen Briefen häufig nur in Andeutungen, was offenbar weniger der Furcht vor der äußeren Zensur denn der "Schere im Kopf" und dem Bemühen um Selbsterhaltung geschuldet war. Das so geschaffene Bild von einer Kriegswirklichkeit, in dem Gräuel sehr selten und die Judenvernichtung gar nicht benannt werden, bestimmte auch das Nachkriegsweltbild, zumindest in der Bundesrepublik. Stölten hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit im Falle seines Überlebens wie das Gros seiner Kameraden und anders als Böll nach dem Krieg über das Erlebte geschwiegen und sich um Verdrängung bemüht, wie er selbst in einem wichtigen Briefzitat an einen Freund voraussagt. Hier prophezeit er klug, was zur Lebenswirklichkeit der Kriegsteilnehmer werden sollte, dass nämlich jene Verdrängung gleichwohl nicht zur Erlösung von den bedrückenden Kriegseindrücken führen würde.[ 9 ]

Die Auswertung der Quellen gestattet es, die Loyalität eines nicht nationalsozialistisch ideologisierten jungen Mannes zu verstehen und zugleich das Verdrängungsmoment zu erfassen, das jedem seiner Briefe eingeschrieben ist. Die stark protestantisch und bildungsbürgerlich geprägte Erziehung des Studienratssohnes bildete den Humus für eine Mentalität, die sich bei völlig unterschiedlicher Motivlage mit der Vernichtungs- und Selbstvernichtungspolitik der nationalsozialistischen Führung treffen konnte. Es ist bezeichnend, dass Stölten die Vorbildfunktion der Warschauer Aufständischen für den Endkampf in seiner Feldpost thematisiert, noch ehe Heinrich Himmler sie nur wenig später, im November 1944, vor Vertretern von Partei, Wehrmacht und Wirtschaft als offizielle Losung vorgeben sollte.[ 10 ] Stölten ist geradezu idealtypisch für jene jungen Offiziere, die Hermann Göring in seiner berüchtigten Thermopylen-Rede zur Kapitulation Stalingrads 1943 erreichen wollte[ 11 ] - zur Opferbereitschaft musste Stölten nicht überzeugt werden, sie war ihm natürliche Bedingung ehrenhaften Soldatentums. Aus dieser Fessel haben sich nur sehr starke Persönlichkeiten lösen können. Selbst ein Offizier wie Wilm Hosenfeld, der seine Freiräume in Warschau 1944 zur Rettung von Juden und Polen einsetzte, kämpfte anschließend als Hauptmann in der Uniform der Wehrmacht weiter und ließ alle Chancen auf Rettung der eigenen Person ungenutzt.[ 12 ]

Wie Stölten uns aus seinen Briefen entgegentritt, kann man ihn sich schlecht als jemanden vorstellen, der sich mit strategischen Optionen beschäftigt oder gar politische Alternativen abwägt. Es ist auch keinerlei Interesse an einer solchen Tätigkeit erkennbar. Er erscheint eher als Mann des Hier und Jetzt, als ein tatkräftiger Arbeiter am Nächstliegenden. Ganz im Sinne des Paulinischen Römerbriefs war er ohne Wenn und Aber der Obrigkeit untertan und dürfte kaum auf die Idee gekommen sein, sie in Frage zu stellen. Stöltens Ausbeutung seitens dieser Obrigkeit wurde durch eine tief empfundene Liebe zum Vaterland erleichtert; personifiziert gewiss nicht im "Führer", sondern in den Seinen zu Hause. Er setzte sein Leben dafür ein, zu ihrem Schutz auch in aussichtsloser Lage beizutragen.

Die Umstände seines Todes zeigen, dass ihm nicht die Courage zur Alleinstellung fehlte, sondern allenfalls das Vermögen, seinen Standpunkt auf der höheren Ebene des politischen Großen und Ganzen zur Geltung zu bringen. Diese Haltung, am Fall Stölten ausgeleuchtet, musste konsequenterweise in der totalen Niederlage gegenüber einer Welt selbstgeschaffener Feinde enden.

[ 1 ] Dieser Beitrag beruht auf der Doktorarbeit der Autorin "Leutnant der Wehrmacht Peter Stölten in seinen Feldpostbriefen. Vom richtigen Leben im falschen", die im Dezember 2005 von der Philosophischen Fakultät IV der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau, als Dissertation angenommen wurde. Die Arbeit erscheint unter gleichem Titel in der Reihe Historiae des Rombach-Verlages. Alle Zitate sind, sofern nicht anders kenntlich gemacht, Briefen von Peter Stölten entnommen.
[ 3 ] Vgl. Martin Humburg, Das Gesicht des Krieges. Feldpostbriefe von Wehrmachtsoldaten aus der Sowjetunion, Opladen-Wiesbaden 1998; Klaus Latzel, Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939 - 1945, Paderborn 2000.
[ 3 ] Vgl. Jochen Schubert (Hrsg.), Heinrich Böll. Briefe aus dem Krieg 1939 - 1945, 2 Bde., Köln 2001.
[ 4 ] Vgl. dazu Andreas Kunz, Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944 - 1945, München 2005.
[ 5 ] Zu den Motiven der Kriegführung der Wehrmachtsgeneralität der drei Heeresgruppen sowie sämtlicher Panzergruppen, die zwischen 1941 und 1942 an der Ostfront zum Einsatz kamen, vgl. Johannes Hürter, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006.
[ 6 ] Vgl. Isa Schikorsky, Kommunikation über das Unbeschreibbare. Beobachtungen zum Sprachstil von Kriegsbriefen, in: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, 2 (1992), S. 295 - 315.
[ 7 ] Dr. Wilhelm Stölten an einen Freund, 11.2. 1943.
[ 8 ] Zit. bei Thomas Kühne, Der Soldat, in: Ute Frevert/Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Der Mensch des 20.Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1999, S. 361.
[ 9 ] Stölten wünschte sich "jene Dinge in seine Freundeshände zu legen, die bis zum furchtbaren Ausdruck die Seele immer wieder beschäftigen (...), indem ich sachlich und genau berichte, was ich weiß (und es ist nur ein Teil, was ich weiß, was man mir sagte) und was ich sicher in meinem Leben nicht mehr über die Lippen bekomme. Ob es ganz hülfe?"
[ 10 ] Vgl. Bundesarchiv, Berlin, Abt. Reich, NS 19/4017.
[ 11 ] Vgl. Hans-Joachim Gehrke, Die Thermopylenrede Hermann Görings zur Kapitulation Stalingrads. Antike Geschichtsbilder im Wandel von Heroenkult zum Europadiskurs, in: Bernd Martin (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg in historischen Reflexionen, Freiburg i. Br. 2006, S. 13 - 29. Ein Mitschnitt der Originalrede befindet sich im Deutschen Rundfunkarchiv, Frankfurt/M., Nr. 52/8920.
[ 12 ] Vgl. Wilm Hosenfeld, "Ich versuche jeden zu retten." Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern, hrsg. im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Thomas Vogel, München 2004.

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