Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Decelith Platte mit Aufschrift

Magisterarbeit von Udo Hinkel
an der Universität Karlsruhe (TH), Institut für Literaturwissenschaft bei Prof. Dr. Götz Großklaus

Ein vergessenes Medium:
Phonopost im Zweiten Weltkrieg (1940-1944)

Download Magisterarbeit von Udo Hinkel 600 KB

1939 wurden zwei von der Deutschen Reichspost zugelassene Versuchsanlagen für Phonopost installiert (Postamt Berlin W9 und Charlottenburg). – Während der folgenden Kriegsjahre entstanden schließlich die „halböffentlichen“ Phonobriefe, die in der vorliegenden Magisterarbeit untersucht werden: sieben Tondokumente aus nationalsozialistischen Rundfunk- oder Wehrmachtsstudios bzw. aus eigens dafür organisierten Lazarettveranstaltungen, mit Nachrichten und Grüßen von Soldaten an die Familie, meist auch mit musikalischen Einspielungen (von anderen Tonträgern oder „live“ aufgezeichnet).

Soldat Felix Hinkel Abbildung: Leutnant Felix Hinkel, (Bild aus Familienbesitz)

Beispiel Tonquelle 8: Leutnant Felix Hinkel/Decelith-Folie von Felix Hinkel
(Kurze Instrumentalmusik)
"Meine liebe Mutti!
Wenn diese Stimme dich erreicht, dann bin ich sicher schon im Felde ... und es ist sicher eine ganze Zeit vergangen. Meinen letzten Brief aus (...?) von der Führerreserve Nord in Peine hast du sicher dann schon erhalten. Ich habe einen Tag, nachdem ich dir diesen Brief abgeschickt habe, habe ich erfahren, dass ich versetzt werde. Nun bin ich mit vier andern Kameraden noch auf dem Wege an die Front. Gestern Abend bin ich hier in Krakau angekommen und habe im Soldatenheim gut übernachtet, bin auch ganz ... anständig abends zu Abend gegessen. Ich habe hier in Krakau zufällig einen alten Kameraden sitzen, den ich früher ... von Rußland her kenne. Ich habe mir natürlich nicht nehmen lassen, ihn gleich zu besuchen. Die Freude war sehr groß. Wir haben uns ein Jahr lang nicht gesehen, und er hat es mir auch ermöglicht, dass ich hier auf dieser Platte zu dir sprechen kann. Ich spreche hier auch zum ersten Mal ins Mikrofon und hoffe, dass ... (längere Pause) ... du meine Stimme wiedererkennst. ... (lange Pause, sieben Sekunden) ...

Anhand von sieben Tondokumenten (ursprünglich schallplattenförmig gespeichert und so zu den Empfängern transportiert) werden Gebrauch und Leistungen dieses Kommunikationsmediums innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne – im NS-Regime, während des Zweiten Weltkriegs – untersucht. Aufnahme-Schallplatten nutzten dieselbe akustische Speichertechnik wie das zeitgenössische Massenmedium Schellackplatte; die aufgenommenen individuellen Mitteilungen verweisen zwar noch auf das alte Speichermedium Brief, aber Oralität und Verlust an Intimität (mehr oder weniger öffentliche Aufnahmesituation) zeigen die Nähe zum Telefon und zum Massenmedium Rundfunk; so fand dieses Individualkommunikationsmedium offenbar Interesse bei den Nationalsozialisten, die es zu einem „Gemeinschaftsmedium“ für die im Lazarettsaal versammelten Soldaten bzw. die Familie zu Hause am Grammophon umfunktionierten.