Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Zeitungsmeldung zum "Mölders-Brief"
aus dem Hauptorgan der NSDAP Gau Baden,
Der Führer, vom 13. 3. 1942
Eine maschinenschriftliche Abschrift
des "Mölders-Briefes" unter "Ausgewählte Briefe"

Ortwin Buchbender:

Der Mölders-Brief*

Erst nach dem Krieg wird die wahre Identität eines Briefes bekannt, der schon seit dem Jahre 1942 im deutschen Reichsgebiet zirkuliert. Sein Verfasser ist angeblich Oberst Werner Mölders, der erfolgreiche deutsche Jagdflieger und erste Brillantenträger.

Er soll den Brief kurz vor seinem Unfalltod am 22. November 1941 an den katholischen Propst Johst von Stettin geschrieben haben [1]. In Wirklichkeit ist das Schreiben eine Fälschung aus der Werkstatt Sefton Delmers, das als Flugblatt durch die Royal Air Force über Deutschland abgeworfen wird [2]. Um den Abwurf aus der Luft glaubhaft zu machen, fügt Sefton Delmer eine kurze Einleitung eines anonymen Luftwaffenoffiziers hinzu und lässt den ganzen Text auf gefälschtem Funkerpapier der deutschen Luftwaffe abziehen. Damit soll bei den Findern des gefälschten Mölders-Briefes der Eindruck erweckt werden, ein deutscher Nachtjäger habe den Brief abgeworfen. Die Wirkung dieses Briefes ist frappierend. Als Fälschung von der Bevölkerung unerkannt, erhält der Brief eine ungewöhnliche Publizität. Vor allem die kirchlich gebundenen Bevölkerungsgruppen beider Konfessionen schreiben den Brief ab, vervielfältigen und verbreiten ihn. Viele Geistliche in ganz Deutschland verlesen den Brief von der Kanzel [3]. Als Meinungsführer ("opinion leaders") kraft ihres Amtes sorgen sie somit für eine rasche Aufwertung, Autorisierung und multiplikative Weiterverbreitung des Briefes. Für die Nennung des Verfassers wird eine Belohnung von 100 000 RM von der Gestapo ausgesetzt, die die Vervielfältigung und Weiterverbreitung des Briefes mit Verhaftung und Einweisung in ein Konzentrationslager bedroht [4].

Neue Versionen über den ohnehin von Gerüchten umgebenen Tod Mölders werden angeregt und die noch verbliebene Glaubwürdigkeit der NS-Politik und Berichterstattung bei weiten Bevölkerungsschichten erschüttert. Die aus der Sicht des NS-Regimes defätistisch zu bewertenden Aussagen des Briefes suggerieren die Existenz einer Widerstandshaltung, vor allem in der katholischen Bevölkerung. Sie lösen dadurch Gestapoaktionen und Dementis aus, die seine psychologische Wirkung in der Bevölkerung nur noch erhöhen.

So wird der Brief tatsächlich in kurzer Zeit von weiten Kreisen der Bevölkerung als ein Zeichen katholischer Opposition betrachtet. Dr. Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, erwähnt den Mölders-Brief an mehreren Stellen seines Tagesbuches. Er ist über die Wirkung des Briefes bei der Bevölkerung tief beunruhigt und glaubt, dass der Brief eine raffinierte Fälschung katholischer Kreise sei [5].

Die Wirksamkeit [6] des gefälschten Mölders-Briefes hat verschiedene Gründe. Zunächst ist es das aktuelle Ereignis - der Tod Mölders'-, den Sefton Delmer in seinem propagandistischen Wert treffsicher erkannt und sich nutzbar macht. In Deutschland glauben weite Kreise der Bevölkerung nicht an den Unfalltod Mölders', sondern vermuten, dass er einer Aktion der SS zum Opfer gefallen sei. Sefton Delmer hofft, dass der Brief rasch und gezielt in den unkontrollierten Fluss der vagen Information eingeht und damit sein Inhalt die zahlreichen Gerüchte zu bestätigen scheint. Der Brief kommt also einem akuten - durch die offiziellen Medien unbefriedigten - Bedürfnis der Bevölkerung entgegen, sich in einer undurchschaubaren Informationslage Gewissheit zu verschaffen.

Aussage und (vermeintliche) Urheberschaft des Briefes sind in höchstem Maße glaubwürdig: "Absender" ist ein berühmtes und beliebtes Soldatenidol, dazu noch als praktizierender Katholik bekannt, der "Adressat" mit dem Namen Propst Johst ein kirchlicher Würdenträger wenn auch den Deutschen zwangsläufig unbekannt - gerade als solcher in einer Korrespondenz von Mölders plausibel und völlig unverdächtig.

Nicht weniger glaubhaft müssen die Mölders zugeschriebenen Äußerungen wirken. Ihre Sprache ist verständlich und dem Leser aus Predigten, Mess- und Andachtsbüchern vertraut; in der Aussagetendenz engagiert, jedoch unpolemisch, enthalten sie keine frontalen Angriffe gegen das NS-Regime, nennen es nicht einmal beim Namen. Vordergründig könnte das Schreiben sogar als idealistische Schwärmerei und als Plädoyer für den "tiefen Sinn des Krieges" angesehen werden. Selbst die ideologiekritischen Anmerkungen bleiben allgemein und verschlüsselt. Aber gerade das Angedeutete fordert die katholische Leserschaft zur Identifikation auf: Wer möchte nicht zu den "lebensverneinenden Katholiken" gehören, bei denen sich die "sogenannten Lebensbejahenden" Mut und Kraft holen; wer fühlt sich nicht durch den Hinweis bestätigt, "dass durch unser katholisches Beispiel viele besser und glücklicher geworden sind". Es hebt das Selbstwertgefühl der Zielperson, einem Bezugssystem anzugehören, das in einer unsicheren und gefahrvollen Zeit selbst von Spöttern und Verächtern "Wandlung" und "Bekehrung", "Achtung" und "Liebe" verlangt.

Der wiederholte, jedoch unaufdringliche Appell an das "Wir"-Gefühl in einer Gegenüberstellung mit den "anderen" tut ein übriges, den Leser in seinem religiösen Selbstverständnis zu bestätigen und an die Aussage des Schreibers zu binden: "Sie beneiden uns, dass wir über dies irdische Leben leichter hinwegkommen als sie, an dem die anderen mit allen Fasern ihres Herzens hängen . . ." Dem Leser bleibt es dabei selbst überlassen, zu entscheiden, wer die "anderen", die "Spötter", die sogenannten "Lebensbejahenden" sind. Es ist ein wirksameres propagandistisches Mittel, diese Entscheidung für ihn annehmbarer zu machen, als wenn man Namen von Führern und Gefolgsleuten des NS-Regimes angegeben hätte.

Der Brief ist jedoch nicht primär eine hintergründige Abrechnung mit der nationalsozialistischen Ideologie. Zeitkritik und Glaubensbekenntnis sind nur die raffinierte Verpackung für die wesentliche Propagandabotschaft vom Tod, euphemistisch umschrieben als "eine kurze Trennung", als "ein besseres Wiedersehen im Jenseits", "als letzter Gang": "Wenn ich eines Tages mein Leben für die Freiheit unserer Nation hingeben muss, die Gewißheit kann ich Ihnen geben, ich falle im alten Glauben, gestärkt durch die Sakramente der Kirche." Das sind Wortbilder, lapidar ergänzt durch harte Tatsachen ("Inzwischen sind wieder viele meiner Kameraden gefallen."), die die akute Gegenwart vielfachen Todes suggerieren sollen, ohne dass man sich dieser Gefahr anders entziehen könnte, als durch eine Rückbesinnung im christlichen (katholischen) Glauben.

Eine Beurteilung der Kriegslage als aussichtslos, eine religiös motivierte fatalistisch-defätistische Haltung als Schlussfolgerung werden der Bevölkerung durch den Mölders-Brief nahegelegt. Diese Wirkung muss das NS-Regime befürchten. Einige Geistliche, die den Brief weiterverbreiten, werden von der Gestapo verhaftet, weitere Geistliche und Laien staatspolizeilich verwarnt, Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräte beschlagnahmt. Die Mutter von Werner Mölders, den amtierenden Propst von Stettin, Ernst Daniel, und andere katholische Würdenträger veranlasst man zu Gegendarstellungen. Behörden und Presse bemühen sich intensiv um eine breit angelegte Veröffentlichung der Dementis.

Aber gerade der Eifer, mit dem die Polizei- und Verwaltungsbehörden den Brief als Fälschung darstellen, macht weite Kreise der Bevölkerung skeptisch gegen die Untersuchungsergebnisse der Gestapo. Die Gegenmaßnahmen wirken wie eine nachträgliche Legitimierung für die Gerüchte um Mölders und stabilisieren den Glauben an die Echtheit des Briefes. Die mit dem Tod Mölders' signalisierten und in "seinem" Brief vermittelten Ahnungen von Gefahr, Untergang und Tod stehen in einem scharfen Kontrast zu der offiziellen Erfolgs- und Siegespropaganda. Diese Widerspruchserfahrung kann nur durch ein Ersatzsystem, durch die (Mund-) Publizistik des Gerüchts aufgelöst werden. Die besondere und nachhaltige Wirkung des Mölders-Briefes besteht darin, die in den Gerüchten angedeuteten Ängste und Befürchtungen artikuliert und bestätigt zu haben. Der Erfolg dieses Briefes beweist die Unterlegenheit des Propagandaapparates in einer totalitär beherrschten Gesellschaft. Besonders in Spannungszeiten mit hoher und dramatischer Intensität - wie im Krieg -, die nur unzureichend oder widerspruchsvoll durch ein gleichgeschaltetes Mediensystem beschrieben und erklärt werden können, glaubt die Bevölkerung solchen Informationsquellen mehr, die sich den offiziellen Propaganda- und Kontrollinstanzen entziehen [7]. Gerade in diesem Bereich findet eine geschickte (schwarze) Feindpropaganda viele Möglichkeiten, wirksam zu werden.

Fußnoten:
[1] Helmut Witetschek, Der gefälschte und der echte Mölders-Brief, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 16, 1968, S. 60-65
[2] Sefton Delmer, Die Deutschen und ich, Hamburg 1963, S. 547 ff.
[3] Heinz Boberach, Meldungen aus dem Reich. Auswahl aus den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS 1939-1944, Neuwied/Berlin 1965, S. 233
[4] Die "Nationalzeitung", Ausgabe B, Duisburg, schreibt am 13.3.1942: "Ein gefälschter Mölders-Brief. Niederträchtige Schändung der Ehre eines toten Helden. Berlin, 12.3. Nach dem Tod des Obersten Mölders wurde in verschiedenen Teilen des Reiches ein Brief verbreitet, den der Fliegerheld angeblich kurz vor seinem Tode an den katholischen Propst in Stettin gerichtet haben soll. Der Inhalt des Briefes ließ sofort erkennen, dass eine üble Fälschung vorlag. Inzwischen hat der Propst von Stettin als angeblicher Empfänger des Briefes eindeutig festgestellt, er habe Oberst Mölders nicht gekannt, habe auch nie einen Brief von ihm erhalten. Der katholische Feldbischof der Wehrmacht gab in Nr. 1 seines Verordnungsblattes vom 10.1.1942 zum sogenannten Mölders-Brief bekannt:
Einwandfreie Feststellungen haben ergeben, dass es sich hierbei um eine grobe Fälschung handelt. Wenn daher dieser Brief irgendwo auftaucht, ist seine Verbreitung zu unterbinden.
Durch die geheime Staatspolizei sind inzwischen bereits einige Personen, die den sogenannten Mölders-Brief verbreiten, obwohl die Tatsache der Fälschung bekannt war, in ein Konzentrationslager eingeliefert worden. Die Fahndungen nach den Fälschern des Briefes laufen weiter. Für die Aufklärung, die zur Festnahme der Schuldigen führen können, wurde der Preis von 100000 RM ausgesetzt." Zitiert nach: Kuno Bludau, Widerstand und Verfolgung in Duisburg 1933-1945, Duisburg 1973, S. 205
[5] "Der gefälschte Mölders-Brief an einen Propst in Stettin geistert in der ganzen katholischen und vor allem auch in der protestantischen Öffentlichkeit herum ... Es ist wahrhaft beleidigend, mit welchen Mitteln hier die Kirchen zu arbeiten versuchen. Aber man sieht, dass ihnen eigentlich besonders zugkräftige Argumente fehlen und dass sie schon zur Methode der Lüge und der Verleumdung greifen müssen, um überhaupt noch in der Öffentlichkeit einen Eindruck zu erwecken." Louis P. Lochner (Hrsg.), Goebbels Tagebücher aus den Jahren 1942-1943, Zürich 1948, S. 108 (Eintragung vom 3. März 1942). Goebbels notiert am 7. März 1942: "Das Justizministerium muß zu seiner Schande eingestehen, dass es keine Möglichkeit gibt, gegen die Verlesung des gefälschten Mölders-Briefes vorzugehen. Unsere Gesetzgebung bietet dafür keine Handhabung. Danach ist es keine Beleidigung, einem Mann, auch wenn er ein Volksheld ist, nachzusagen, dass er katholisch war und sich praktisch gegen den Staat eingestellt hat. Diese Justiz ist keinen Schuß Pulver wert . . . Aber unsere Justiz wird nicht nationalsozialistisch, sondern spießbürgerlich geführt. Da kann man nichts machen." (ebd., S. 115) Goebbels ist fest davon überzeugt, dass der Mölders-Brief eine Fälschung der Kirche sei, die schlau eingefädelt worden ist" (Eintragung vom 16. März 1942, ebd., S. 122). Weder der Propagandaminister noch die Gestapo können sich vorstellen, dass der Brief eine englische Fälschung ist.
[6] Die Wirksamkeit des Briefes hängt wesentlich ab von der Bereitschaft der Zielgruppe, Mölders eine Leitfunktion in einem katholischen Widerstand zuzubilligen. Dazu teilt Jochen Klepper in einer Tagebucheintragung vom 4. November 1941 folgendes mit: "Der Katholizismus wächst an Intensität immer mehr. Unter den namhaftesten Offizieren der neuen Wehrmacht, den berühmten Fliegern Mölders und Galland, hat wenigstens der Katholizismus zwei mutige Verteidiger gefunden. Wären es mehr: sie wären eine Macht." Aus: Unter den Schatten Deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942 von Jochen Klepper, Stuttgart 1956. Mölders wird tatsächlich von katholischen Geistlichen als vorbildhaft empfunden und sein Brief von ihnen an Frontsoldaten geschickt, wo er erhebliche Unruhe bei den Sicherheitsoffizieren auslöst: 4. Pz. Div., Abteilung Ia, Anlagenband zum Tätigkeitsbericht der Abt. Ic, Juni 1941 - März 1942, BA-MA RH 27-4/122.
[7] Zur Funktion informeller Systeme und Gerüchtebildungen im totalitären System vgl. Franz Dröge, Der zerredete Widerstand. Soziologie und Publizistik des Gerüchts im z. Weltkrieg, Düsseldorf 1970, S. 22 ff. und S. 193 ff. Durch seine Untersuchungen kommt Dröge zu dem Ergebnis, "dass in den informellen Beziehungen Schutzmechanismen gegen die manipulative Überwältigung durch totalitäre Propaganda entstehen können und faktisch entstehen. Das heißt, dass die menschliche Widerstandsfähigkeit gegen eine ideologische Propaganda größer ist, als man gemeinhin unter dem Eindruck der Totalitarismus-Theorien annimmt."

* Mit freundlicher Genehmingung von Ortwin Buchbender. Der Aufsatz stammt aus: Buchbender, Ortwin und Horst Schuh: Die Waffe, die auf die Seele zielt, Psychologische Kriegsführung 1939-1945, Stuttgart 1983, S. 147-152