Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Adlershorst, 2.3.45
Meine liebe Puppe, mein liebes Töcherchen!
Heute mußte ich bei stürmischem Schneetreiben eine Dienstfahrt nach Danzig machen. Es war an sich nicht angenehm, so wie gestern sind wir erst heute abend wieder zurückgekehrt. Aber ich bereue auch diese Fahrt nicht, denn wir sprachen zunächst im K.P. Danzig wegen Post vor und - welche Freude - ich konnte endlich den heiß ersehnten Brief von Dir vom 19.2. sowie die Karte von Vater in Empfang nehmen. Ab heute kann ich also wieder ein anderes Gesicht machen und endlich ruhig schlafen. War ich in Sorge um Euch! Völlig apathisch, lustlos bin ich mit einem Fluch auf den Lippen allmorgens aufgestanden, Fluch auf diesen unmenschlichen Krieg, dessen Schrecken ich in vollem Umfange kennen gelernt habe und solche tiefen Eindrücke werde ich nie vergessen.
Was für unvorstellbares Elend habe ich gesehen, nicht allein an Militärpersonen, aber schweigen wir - wenn ich mal eine ruhige Zeit habe schreibe ich ausführlich darüber. Den Sturmangriff auf das Jugendheim, Deine ehem. Arbeitsstätte, habe ich auch mitgemacht. Habe dabei einen von mir angeschossenen Russen aus dem Feuer geholt, weil wir doch unbedingt Näheres über die russ. Stärke wissen wollten. Aber wie gesagt - ich werde, wenn ich wirklich mal ruhige Stunden habe, ausführlich schreiben. Jetzt hat man keine Konzentration, wir liegen zu 22 Mann auf der Stube, Licht geht oft aus, ein Krach außerdem. Skatspieler bedecken den ganzen Tisch, also ein wenig schöner Zustand, wo ich doch so die Ruhe liebe. Betrübt bin ich, liebe Puppe, daß Ihr so abenteuerlich Eure Reise hattet. Es tut mir schrecklich leid, aber die Hauptsache [ist], daß Ihr in Sicherheit seid. Und ich verlasse mich, liebe Mutti, ganz auf Dich, daß Du Euer Lebensschiff so gut steuerst, daß Ihr über alle Klippen hindurch kommt. Meine Segenswünsche und Gebete sind ständig bei Euch, wie überhaupt meine Gedanken nur immer bei Euch sind. Ich sage mir, so wie Ihr, meine Lieben aus dem Hexenkessel herauskamt und ich ebenfalls, so werden wir auch weiter das Leben allen bitteren Hindernissen zum Trotz meistern. Hauptsache gesund, alles andere findet sich. Ich trauerte meinem Gepäck in E. auch erst sehr nach (ich hatte nur Sturmgepäck bei mir, alles andere mußte zurückbleiben, bei der abenteuerlichen Flucht wäre es auch im Wege gewesen!), jetzt habe ich alles überwunden. Ich lebe hier zwar sehr primitiv, aber es muß gehen und es geht!
Mein weiteres Schicksal ? - Ich werde am Montag abgestellt, d.h. Neumann und ich sind der Rest der "Zur besonderen Verwendung", wir sind ja nur noch 18 Mann. Gestern ging schon ein Teil zur Frontleitstelle nach Stettin. ich frage grundsätzlich nicht, wohin, ich überlasse alles dem Schicksal, das mich so gnädig in seine Hand nahm. Man spricht von Stettin oder K.P. Thorn , der im Danziger Neufahrwasser logiert und von dem wir heute wieder Maschinen geholt haben. Wie gesagt, ich lasse mich nur schieben und bin im übrigen ganz stur!! Vielen Dank für die Marken. Wir sind hier regelrecht eingesperrt, allein kann man nicht gehen, man hat schon Schwierigkeiten, sich was mitbringen zu lassen. Die Kameradschaft ist nicht so, wie man allgemein annimmt. Alles brutal egoistisch, jeder denkt nur an sich, ich habe Fälle erlebt, daß sich die Haare sträuben! Ja, gesunde Kameraden haben aus Angst um ihr Leben schwerverwundete Kameraden liegen gelassen. Ich selbst habe, obwohl mir alle gesunden Kameraden wegliefen, noch 3 Verwundete in tiefem Schlamm an den Hauptverbandsplatz übergeben, ehe ich meine abenteuerliche Irrfahrt allein in unbekanntem Gelände ca 20 km bis zur versprengten Sammelstelle antrat. Dort kam ich völlig durchnäßt an, dreckige Kleidung, zerrissene Strümpfe, 14 Tage unrasiert und ungewaschen haben wir "zur besonderen Verwendung" mit dem Park erst mal Wiedersehen gefeiert bei einem Tropfen Kirschsaft und mit Schrecken festgestellt, wie klein unser Haufen geworden ist. Schnell Privatquartier gesucht, noch ca. 5 pfd. Schweinefleisch organisiert, gebraten, Schmalz ausgelassen und erst mal Verpflegung geholt. Dann endlich nach 3 ½ Wochen ausgezogen und geschlafen. Ein herrliches Gefühl!! Frisch rasiert, gewaschen, Strümpfe und Taschentücher gewaschen, Privatquartier habe ich mit Neumann genommen. Das Dorf hieß Junpfen, wo die Hauptkampflinie verläuft. Unterwegs wieder Elend, Elend gesehen und den Landser als Plünderer betrachtet, wie er in die Wohnungen, die verlassen waren, eingedrungen ist und vielfach aus Lust zerstörte! Aber Schwamm drüber. Daß Euer Gepäck auch in der Luft liegt, ist sehr bedauerlich, aber hoffen wir, daß sich alles noch anfindet. Wenn Onkel Gustav in Deutschkrone geblieben ist, dann hat man ja Hoffnung, daß wir eines Tages unser Eigentum doch mal zurückbekommen. Ich bedaure am meisten in meinem Gepäck meine Zivilstiefel und Hausschuhe! Mein Schreibpapier ist auch fort. Ich hatte noch 20 Stck. Rasierseife organisiert und Tabak sowie 1 pfd. Butter (von Schröter!) Aber reden wir nicht weiter. Hauptsache: Ihr meine Lieben seid gesund und wohlbehalten in Berlin. Ich glaub, wir stecken wieder im Kessel, denn unsere Leute sind noch in Danzig und kommen kaum noch nach Stettin, hoffen wir alles Gute! Um mich macht Euch keine Sorge, ich beiße mich schon durch!
Die Flugzeugwarte hier bauen auch ab und verladen alles nach Thüringen. Jeden Abend kommen Flüchtlinge, Ausländer, Russen (in deutscher Uniform) und kampieren im Keller, die Läuse krauchen herum. Ich bin aber auf der Hut! Noch ist es nicht so schlimm!! Meine Post, die leider sehr unregelmäßig kommt, kann bis zur neuen Anschrift hierher kommen. Sie wird mir nachgeschickt. [Sind] Karl und Bruno noch zu Hause + haben die Deutschkrone alles verloren? Oder ist Onkel Leo u. Onkel Albert auch dort geblieben? Schreibt mir recht viel Neuigkeiten. Vorläufig bleibst du noch in Berlin? Bleibt weiter so tapfer, liebe Mutti, damit ich nicht solche Angst um Euch auszustehen habe. Ja, mit Brot, das schätze ich erst recht jetzt! Helga soll tüchtig essen, die Knappheit kommt erst noch leider. Morgen schreibe ich weiter. Heute so müde, schwere Maschinen geschleppt und dann die Verpflegung! Kalt ist mir es auch. Also gute Nacht, Ihr meine Liebsten.
Du brauchst und sollst vorerst nicht arbeiten zu gehen! Nicht drängeln!
Wir haben hier auch Verteidigungszustand, dürfen also nicht raus! Jeder hat die Kasernen-"Krankheit!!"
Seid herzlich gegrüßt und geküßt von Eurem Vati
[umgedreht:] Verflucht sei dieser Krieg und _ _ _ _ _ _ [die 6 Striche bedeuten "Hitler"]